Frau Gomringer, am 15. Oktober wird Ihnen in Kassel der Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache verliehen. Sie erhalten die Auszeichnung, weil Sie den Poetry Slam kulturfähig gemacht haben. Sind Sie die Ikone des Poetry Slam?
Nora Gomringer: DAS sicher nicht. Wie viele andere in der Bewegung des deutschsprachigen Poetry Slams bin ich stets „strebend bemüht“, Slam Poetry etwas weiter voran zu bringen. Ikonen sind für viele von uns sicherlich die langjährigen Veranstalter, ohne die viele Slammer niemals eine Bühne gehabt hätten und ohne die sich das Bewusstsein für eine Szene nicht ausgebildet hätte. Meine Auszeichnung mit dem Jacob-Grimm-Preis sehe ich als Entscheidung eines bestimmten Rezipientenkreises, denn wer begegnet mir, der solche Preise zuspricht? Akademiker, das Publikum der Goethe Institute, Journalisten etc. Also nicht der eigentliche Slam-Besucher. Poetry Slam an sich war und ist und wird immer „kulturfähig“ sein. Das ist sein Wesen, denn es geht um „raffinierte“ menschliche Äußerung im Sinne von ästhetisierter Sprache und dem gemeinsamen Lauschen dieser artikulatorischen Gehversuche. Himmel, nach deutschem Verständnis ist Ballermann längst Teil der deutschen Kultur und Poetry Slam braucht 100 Jahre, bis er als Format Akzeptanz und gut
fundamentierte kulturgeschichtliche Rückendeckung bekommt.
Ist Poetry Slam eine Subkultur, eine offene Bühne für alle im Sinne einer „Volkskultur“ oder eher eine Randkultur für Intellektuelle?
Nora Gomringer: All of the Above, wie der Erfinder des Formats „Poetry Slam“, der Chicagoer Dichter Marc Kelly Smith, wohl sagen würde. Poetry Slam ist zunächst ein Veranstaltungsformat, das mit dem Vortragen von „ausdiversifizierter“ Slam Poetry gefüllt ist. Dadurch, dass die Veranstaltung sehr oft in Clubs stattfindet, meint man wohl das Ganze eher zur Subkultur zählen zu können/müssen. In den USA gelten Slammer zum Teil schon als poetische Nerds, die großen Idolen nacheifern. Interessant ist, dass sie eher der Anhängerschaft um große romantische Poeten zugesprochen werden, als der um die legendären Sprechdichtern der Literaturgeschichte. Nur wenige wissen über die Wurzeln der Oralität Bescheid und wie wichtig sie war für die letztendliche Entwicklung der buchstabentreuen Literatur.
Glauben Sie, dass die heutigen Slam-Poeten eines späteren Tages mal so berühmt werden könnten wie Goethe und Schiller?
Nora Gomringer: Wer weiß das schon? Mein Vater ist in jedem deutschen Lesebuch ab der 9. Klasse und ist in anderen Ländern wesentlich berühmter als in Deutschland. Obwohl... das mit der Berühmtheit... das kommt auch immer darauf an, wen man fragt. Viele Texte, die im Bereich der Slam Poetry veröffentlich werden, haben Strahlkraft, Charisma, haben Stil und sind voller Aussagekraft über die Jetzt-Zeit. Berühmt wird man durch Verbreitung: müsste also jemand diese Texte noch viel gezielter in den Kanon einflechten.
Was fasziniert Sie persönlich am Poetry Slam?
Nora Gomringer: Im Positiven: seine eigentümliche Kraft trotz aller Unterschiede im Vorgetragenen und im Vortrag am Ende des Abends eine gewisse Würde und Heiterkeit zu entfalten. Immerhin küren viele die Zeilen eines Einzelnen. Das ist irgendwie archaisch. Wie früher am Lagerfeuer: Du hast uns am Besten angerührt, unterhalten, beschenkt, wir danken dir.
Im Negativen: der in Deutschland oft übertriebene Wettbewerb. Die Idee war es nicht, in kompetitive Wirre auszubrechen, einander die gewonnenen Punkte vorzubeten und trotzdem passiert das ständig. Kein Wunder, dass es immer noch eine „Männer-Bühne“ ist ;-)
Sie haben die „poetische Schirmherrschaft“ für den Hessenslam übernommen: Weil Jacob Grimm ein Hesse war oder haben Sie Verbindungen zur hessischen Slammerszene?
Nora Gomringer: Seit vielen Jahren sind der charismatische Felix Römer und ich Bühnenkollegen. Seine Mutter Andrea Römer hat den Eschwege Poetry Slam aus der Taufe gehoben und sich so intensiv wie liebevoll dem Format und seinen „Formatierern“ angenommen und auch ihr eigenes Schreiben im Kreise von Kollegen darin erweitert. Lars Ruppel, einer der besten Slammer Deutschlands, ist Marburg verbunden und irgendwie führen alle Wege aller Slammer eben auch durch Hessen hindurch. Und das ist ja nicht das Schlechteste... gerade weil der Geist der Grimms hier noch lebt und atmet.
Was geben Sie den hessischen Slammern mit auf den Weg?
Nora Gomringer: Lernt Eure literarischen Vorfahren kennen, lest ihnen nach... auch um die Peinlichkeit zu vermeiden, zu denken, man erfände irgendein Rad neu, wenn man schriebe. Und natürlich: Habt Freude am Texten und Sprechen Eurer Texte vor einem Publikum, das gewillt ist, Euch seine Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken. Seid furchtlos und uneitel, authentisch und unpathetisch. Und lernt kennen, was es heißt, Sprechdichter zu sein.
Das Interview führte Stefan Forbert im Juli 2011




